Interview mit Raja Selvam - Die Botschaften des Körpers beachten - 1995
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Bodymessage

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Die Botschaften des Körpers beachten:
Physiologische Implikationen pränatalen Traumas von Marcy Wineman Axness

Der folgende Text gibt ein Interview wieder mit Raja Selvam, Ph.D., einem Senior-Ausbilder
in Somatic Experiencing. Er lebt in Los Angeles, wo er unter RajaSelvam@earthlink.net
erreicht werden kann. Sein Hintergrund schließt die körperorientierten
Psychotherapiesysteme Somatic Experiencing und Bodynamic Analysis, Jungianische und
Archetypische Psycholgie, und die intersubjektiven und Objektbeziehungsschulen der
Psychoanalyse ein. Sein breit angelegtes Verständnis der Psyche findet seinen Hintergrund
in Advaita Vedanta, einer indischen spirituellen Tradition. Er hält international Vorträge
und Seminare.
Die Interviewerin lebt ebenfalls in Los Angeles und kam durch ihre Erfahrungen als
Adoptivkind zum Fachgebiet der prä- und perinatalen Psychologie. Sie schreibt Artikel und
führt überall in den USA Seminare durch, die sich mit der Heilung vielfältiger Themen im
Bereich Adoption befassen. Ihre Emailadresse ist axness@earthlink.net.
M: Wenn sie nur ein paar Minuten mit einer adoptierten Person hätten, oder
irgendjemandem der schwerwiegenden Stress in der Gebärmutter erlitten hat…
R: Was ich ihr sagen würde? Nun, auf der Gefühlsebene ist es sehr wahrscheinlich, dass sie
sich nicht gewollt fühlen, und dass sie sich nicht zugehörig fühlen. Auf der physischen
Ebene werden Menschen, die diese Art von Trauma erlitten haben, hinsichtlich des späteren
Einflusses auf ihre Physiologie, eine Menge Probleme im Bereich des Bauches haben. Sie
werden oft eine Verkrümmung der Wirbelsäule haben und sie könnten Augenprobleme
haben. Das sind alles körperliche Symptome, und tatsächlich sind sie der frühe Versuch des
Körpers, mit sehr hohen Erregungsniveaus umzugehen, die nicht entladen werden können.
Das ist das Trauma. Wir kategorisieren pränatales Trauma als globales Schocktrauma,
welches in Bezug auf die Auswirkungen die schwerwiegendste Kategorie ist.
In der Gebärmutter passiert folgendes: Das Kind ist sehr viszeral. Der sympathische oder
erregende Ast des Autonomen Nervensystems ist besser entwickelt als der parasympathische
oder beruhigende Ast. Das Kind ist auf das System seiner Mutter angewiesen, und wenn es
wahrnimmt, dass es nicht gewollt ist, ist es verzweifelt, sehr verzweifelt, ohne dass ein Ende
in Sicht ist. Das Niveau körperlicher Erregung [Arousal] ist so hoch, dass es das nicht
regulieren kann, es ist fast, als würde es in tausend Teile zersplittern, wenn das zugelassen
würde. Also kümmert sich das Reptiliengehirn darum, welches ja die Weisheit von
Millionen Jahren der Evolution darstellt, nicht wahr?
Und was es dann macht, ist, sich selbst zu disorganisieren - den Bauch anspannen zum
Beispiel, sich von der Gebärmutterwand wegdrehen, denn auf gewisse Weise wird die Wand
des Uterus selbst zum Feind, wenn man sich das bewusst macht. Es gibt dort keine Wärme.
Also versuchen sie gewissermaßen sich davon wegzudrehen. Oft wird die Atemfunktion
beeinträchtigt, das Kind atmet wenig. Dann muss es die Energie nicht fühlen, wahrnehmen.
M: Ja, ich hatte solange dieses Gefühl, nicht tief zu atmen.
R: Und es wird den Bereich der Nabelschnur anspannen, den viszeralen Bereich, genug, um
sich von der abweisenden Energie der Mutter abzuschotten, oder welche Energie oder
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Substanz das Kind nicht will - wenn die Mutter Alkohol trinkt oder bei vielen anderen
Dingen. Es ist wie, „kann ich mich von der Mutter abschneiden, die mich so unglücklich
macht?“ Unglücklicherweise nicht, denn das Kind ist komplett im Energiefeld der Mutter,
total abhängig davon, aber es wird den Versuch machen.
M: Also ist die Zusammenziehung in verschiedenen zentralen Bereichen des Fötus ein
Versuch…
R: Es ist ein Versuch diese enorme, sich steigernde Erregung zu begrenzen, die droht, das
autonome Nervensystem zu fragmentieren und das Überleben in Frage zu stellen.
M: Diese Wahrnehmung des Fötus, nicht gewollt zu sein - ist das im Wesentlichen eine
telepathische Kommunikation?
R: Nein, ich spreche über die körperliche Seite.
M: Chemisch?
R: Biochemisch, aber auch über das Gewebe. Wenn zum Beispiel eine Mutter das Kind
nicht will, wird es so sein, dass die Wände des Uterus nicht freundlich für das Kind sein
werden.
M: In welcher Weise?
R: Verlust der sinnlichen Wahrnehmung. Ich arbeite beispielsweise mit einem Klienten, der
keine Energie in den Beinen hat, die Beine sind richtig kalt. Was machen wir, wenn wir
Schmerz in einem bestimmten Körperbereich vergessen wollen, oder bestimmte
Körperbereiche nicht spüren wollen? Manchmal ziehen Frauen, die sich ihrer Brüste
schämen, Energie aus den Brüsten ab - sie werden sie nicht einmal fühlen. In dieser Weise
wird die Mutter versuchen, sogar die Empfindung zu vermeiden, und das Kind nimmt das
wahr - die Kommunikation liegt ganz im Bereich der Empfindung. Und denken sie daran,
dass die Mutter und das Baby in diesem Stadium eins sind. Wenn also das Baby versucht,
von seiner Mutter wegzukommen, versucht es tatsächlich, von sich selbst wegzukommen.
Können sie sich das existentielle Dilemma darin vorstellen? Der einzige Weg zu überleben
liegt also darin, dass es sich tiefer in seinen Kern zurückzieht.
Haben Sie von der schizoiden Struktur in der Bioenergetik gehört? In Bodynamics, einem
Körpertherapiesystem, das von Lisbeth Marcher in Dänemark entwickelt wurde, wird sie
auch die mentale Existenzstruktur genannt. Der abwesende Blick, der „keiner zu Hause“-
Blick, da gibt es gar keine Energie im Körper, und die Person wird äußerst intellektuell sein,
sehr im Kopf sein. Das liegt daran, dass es andernfalls für den Fötus unbeschreiblich
schmerzlich sein müsste. Wenn das Kind überhaupt nicht gewollt war, wird es sehr
schwierig für es sein, in seinen Gefühlen zu sein, wenn es aufwächst.
Wenn sie sich aber gewollt fühlen, und dann geschieht plötzlich etwas während der
Schwangerschaft - die Mutter hat eine schwierige Erfahrung oder schwerwiegenden Stress -
dann gehen sie in eine Abwehr sehr emotionaler Natur. Das ist eine andere
Überlebensstrategie, die in Bodynamics die emotionale Existenzstruktur genannt wird. Oft
haben diese Menschen eine Menge Energie. Janis Joplin ist ein klassisches Beispiel für die
emotionale Existenzstruktur.
M: Glauben sie, dass der Fötus zwischen verschiedenen Arten negativer Energie
differenziert, zwischen direkter Zurückweisung durch die Mutter und, sagen wir, einem
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allgemeineren akuten Stress in der Mutter, oder negativen Gefühlen in Bezug auf jemand
anderes als das Baby? War diese Beschleunigungsreaktion, die ich in der Gebärmutter
meiner Mutter erlebt habe, eine Blutung, oder war ich es selbst, als Fötus, der auf bestimmte
Weise wusste oder so gedeutet habe, dass meine Mutter mich zurückgewiesen hat?
R: Kognitiv?
M: Nicht kognitiv, aber vielleicht auf einer telepathischen Ebene, oder mehr auf einer
spirituellen Ebene - ich glaube es war im Grunde eher spirituell.
R: Der Fötus weiß nichts. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Eine liebende Mutter strich die
Wände des Kinderzimmers. Die Dämpfe der Farbe waren giftig - die Mutter wusste das
nicht, und sie hat sie eingeatmet, und das Baby wurde langsam vergiftet. So kam dabei die
Auffassung heraus, dass es ein Angriff auf ihr Leben war, und das hat sich übersetzt in ihr
Gefühl, dass ihre Mutter sie nicht wollte. Dieses Kind wuchs mit der emotionalen
Existenzstruktur auf. Sie ist sehr emotional, sie war häufig ganz in ihren Gefühlen, und sie
hatte das Gefühl, dass die Welt, und die Menschen in ihr, die Tiere, zu jeder Zeit aus ihrem
Leben verschwinden könnten. Und das war das Kind einer Mutter, die sie wirklich wollte.
Ein Fötus kann also missverstehen, was geschieht.
M: Missverstehen.
R: Ja, genau. Auf einer bestimmten Ebene ist Stress einfach Stress. Aber das beeinflusst in
der Folge die Physiologie. Die Bedeutung wird geboren aus dem Stress in der Physiologie.
Das liegt alles im Bereich der Empfindung. Zu diesem Zeitpunkt sind die emotionalen und
kognitiven Fähigkeiten des Fötus nicht so entwickelt wie die Fähigkeiten zur Empfindung,
daher findet alles im Bereich des primitiven Gehirns statt. Und daher wird es sich von der
Wand des Uterus wegdrehen, was zur Skoliose führen kann, und das dient einem Zweck.
Wenn wir unsere Wirbelsäule in dieser Weise verdrehen können, können wir oft die Energie
blockieren, die Energie im Körper, so dass die Erregung blockiert werden kann.
M: Das ist also der Grund - die Blockierung der Energie, unabhängig von dem Modell, soll
das stoppen, was schmerzhaft ist, also diese Übererregung, die Überflutung mit Energie.
R: Übererregung ist tatsächlich nah am Tod, es ist, als würde man die Finger in eine
Steckdose stecken.
M: Die Zusammenziehung wirkt also, als würde man eine Stange in den Antrieb stecken. Es
lässt alles stillstehen, aber wenigstens stoppt es auch die Bedrohung.
R: Aber die Energie ist im Antrieb, der gestoppt wurde, gebunden. Man sieht also jemanden
der mit, sagen wir, 130 km/h fährt und plötzlich stoppt. Wenn man eine Maschine, die sich
mit 130 km/h bewegt plötzlich stoppt, dann steckt das Energiepotential immer noch in der
Maschine. Wenn wir also die Stange herausnehmen, ist da eine beträchtliche Menge an
Energie. Man muss sie langsam herausnehmen. Wenn man die Stange schnell herausnimmt,
wird das System selbst zur Hemmung eine andere Stange hineinstecken. Tatsächlich wird die
Erregung auf einem höheren Niveau sein, denn zumindest anfänglich kam der Aufbau
schrittweise. Wenn man die Stange herausnimmt und es wird allem erlaubt
herauszukommen, wird es daher also zu einem höheren Maß an Energie kommen. Deshalb
nehmen wir sie sehr langsam heraus. Und wir führen diese überschüssige Energie in das
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Leben einer Person und schauen, wie sie das gebrauchen kann. Wenn wir also die Stange
herausnehmen, wird da eine enorme Energiemenge frei.
M: Richtig, das ist die Kehrseite, denn ich hatte mein Leben lang chronisch wenig Energie,
und ich hatte irgendwie immer die Idee, dass die geringe Energie, die Blockade der Energie,
damit zu tun hat - wenn ich die Energie daran hindere zu fließen, dann blockiere ich alle
echten Gefühle, welche sich darunter befinden. Ich meine, wenn die Energie beginnt zu
fließen - wenn die Säfte beginnen zu fließen, dann beginne ich zu fühlen, was ich mein
ganzes Leben lang versucht habe nicht zu fühlen. Stimmt das?
R: Ja, ganz genau. Und der Punkt ist, so frühe Traumatisierungen bleiben oft in der
Physiologie stecken.
M: Und das ist der Kernpunkt dieser Art von Arbeit. Das ist der Kernpunkt, jahrelang durch
all diese emotionale Arbeit gegangen zu sein, um festzustellen, dass ich immer noch dieses
aufgewühlte Gefühl im Bauch habe. Ich habe viel kathartische Arbeit gemacht…
R: Und es hat geholfen, da bin ich sicher. Die emotionale Arbeit ist extrem wichtig um die
Verbindung zum Rest der Welt zustande zu bringen, aber gleichzeitig ist es wichtig die
physiologische Arbeit zu machen, um ganz in den Körper zu kommen, die Freude des
alltäglichen Lebens zu erfahren und um die Energie verfügbar zu haben. Der zusätzliche
Vorteil ist dieser: Körperempfindungen liefern oft den Behälter für die Emotionen, daher
werden Menschen, die in der Lage sind, ihre Physiologie zu befreien, oft in der Lage sein
mehr von ihren Gefühlen zu halten und sich irgendwie in ihrem Leben erfüllter fühlen. Denn
schließlich geht es im Leben darum, wie man sich mit den Kindern fühlt, mit dem Partner,
mit dem Leben Tag für Tag.
M: Richtig, deshalb habe ich durch die Arbeit, die ich gemacht habe, so viel Erleichterung
erfahren. Aber das ist der Grund, warum bei mir diese Überreste physischer Reaktionen
erhalten geblieben sind.
R: Die Effekte früher Überstimulierung - es ist wirklich Überstimulierung, welche vom
System nicht gehandhabt werden konnte, das ist, was Trauma für einen Fötus bedeutet, weil
es keine Kognition davon besitzt, was passiert ist. Es hat keine Idee was passiert ist, es erlebt
nur massive Überstimulation. Und so wird es alles durchdringen, überall liegt es darunter,
jedes Thema das es im Leben des Klienten gibt. Ein anderes Symptom frühen Traumas ist,
dass jedes Mal, wenn Erregung entsteht, gute oder schlechte, die Angst angesprochen wird.
M: Richtig. Sagen Sie ein bißchen mehr dazu.
R: Jedesmal, wenn einem etwas Gutes passiert, was hat das zur Folge? Erregung. Jedesmal,
wenn einem etwas Schlechtes passiert, was hat das zur Folge? Erregung. Sie wird sofort
diese pränatale Angst ansprechen. Es ist fast, als wenn jedes Thema eine Falltür öffnet, einen
Kurzschluss zu diesem Zustand. Es durchdringt alles, es durchdringt wirklich alles. Es ist
das, was Menschen gewöhnlich als „sich ängstlich fühlen“ beschreiben. Aber das hat nichts
mit der Gegenwart zu tun. Es ist in Wirklichkeit Todesangst. Es ist eigentlich keine
emotionale Angst, sondern die Angst des Reptilienhirns. Und sie kommt nicht durch einen
Gedanken des Neokortex, sie kommt aus dieser sehr frühen Erfahrung. Das ist der Grund,
warum sie oft keinen Sinn ergibt, verstehen Sie was ich meine?
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M: Absolut. Man kriegt es nicht zu fassen. Das erinnert mich an das Thema, über das wir
einmal gesprochen haben - die Erfahrung, sich nicht fokussieren, sich nicht auf eine Sache
konzentrieren zu können. Wenn ich in diesen hochtourigen Zustand komme, bin ich oft auch
sehr zerstreut, von einer Sache zur anderen springend.
R: Wir sprechen von der fehlgeschlagenen Orientierungsreaktion. Wie wird eine typische
Orientierungsreaktion eines Tieres in freier Wildbahn aussehen? Es hört ein Geräusch und
duckt sich, spannt den Bauch an, geht auf die Hinterläufe, dreht sich und schaut. Es gibt eine
deutliche Aufregung, körperliche Erregung, und dann sieht es, dass es nur eine Feder ist oder
sonst was, und dann entspannt es einfach und geht seiner Wege. Das ist die klassische
Orientierungsreaktion, und wir brauchen sie, um mit Gefahr umzugehen.
Was passiert, wenn wir eine traumatisierte Physiologie haben, was heißt, dass da Erregung
ist - als wir darüber gesprochen haben, haben Sie Erregung erlebt, nachdem Sie die Stimme
ihrer biologischen Mutter am Telefon gehört haben - was dann passiert ist, da ist Erregung,
also schaut das Reptiliengehirn umher - „Wo ist die Gefahr, wo ist die Gefahr?“. Man kann
sich nicht auf eine Sache konzentrieren, weil man weiß, dass die Gefahr überall ist, weil da
nämlich gar keine Gefahr ist. Die Gefahr ist innerlich. Deshalb gab es Ihnen Erleichterung
von einer Aktivität zur nächsten zu gehen, aber sobald Sie sich auf eine konzentrieren
wollten, steigt die Erregung wieder an, weil sie auf einem bestimmten Niveau sehen, dass
das Buch, oder Projekt, oder worauf immer sie sich konzentrieren wollen, nicht die Gefahr
war, sie muss also woanders sein. Deshalb versucht das Reptiliengehirn Sie zu veranlassen,
die Gefahr zu finden.
Es hat also mit der Fähigkeit des Autonomen Nervensystems zu tun, flexibel genug zu sein,
mit sich verändernden Energieniveaus von Erregung umzugehen. Wir müssen das sozusagen
über eine Zeit hinweg abstimmen. Es ist so als wenn Sie einen Körper haben der in der Lage
ist mit 5 Watt Energie umzugehen, obwohl das Potential bei 80 oder 90 Watt liegt. Und man
kann nicht an einem Tag von 5 Watt auf 80 Watt gehen.
M: Aber das ist, was kathartische Arbeit macht.
R: Ja, was Katharsis tun könnte - was sie macht - obwohl sie vielleicht anderes auf anderen
Niveaus auflöst, emotional, sie könnte so viel Strom im System freisetzen, dass das System
physiologisch eher retraumatisiert wird. Und was ich bemerkt habe, als ich mit Ihnen
gearbeitet habe, ist, dass Sie in einem Zustand der Erregung waren, mit der zu arbeiten sehr
leicht war, anders als wenn daraus Symptome werden.
Wenn zum Beispiel jemand mit einer ziemlich schlimmen Spannung in der Schulter zu mir
kommt, wäre das ein Symptom dafür, dass die Erregung abgespalten und in einem
bestimmten Körperbereich gespeichert wurde, um das Übermaß an Erregung handzuhaben.
Und darum geht es bei Wirbelsäulenverkrümmungen, und die meisten Föten mit fötalem
Stress entwickeln das zu einem gewissen Grad. Sie versuchen gewissermaßen, diese Energie
irgendwo im Bereich der Wirbelsäule zu speichern. Und wenn sich die Skoliose begradigt,
wird Energie im System freigesetzt. Wenn man aber Tiefengewebsarbeit an der Skoliose
machen würde, würde das so schnell so viel Energie freisetzen, dass der Körper
retraumatisiert wird, und die Skoliose würde wiederkommen. Deshalb ist es so wichtig, nur
wenig auf einmal freizusetzen.
M: Eine Therapeutin mit dem ich gesprochen hatte meinte, dass Personen vielleicht anfangs
einiges an kathartischer Arbeit benötigen - sie benutzte die Analogie einer Ölquelle - um den
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anfänglichen Druck zu entlasten - um dann da hineinzukommen und daran zu arbeiten, wie
man diese Energie fließen lassen kann, damit man sie kanalisieren und nutzen kann.
R: Das mag sein, kann aber auf unterschiedliche Weise und in einer anderen Reihenfolge
gemacht werden. Das hängt von der Person ab. Nicht dass das kathartische Modell ein
schlechtes Modell wäre. Ich denke, dass all diese Aussagen, die sie machen, auf emotionaler
Ebene angesprochen werden müssen, wie „ich bin nicht gewollt“ oder „ich habe nicht das
Recht zu leben“. Katharsis bezieht sich wirklich auf diesem Bereich. Es ist nur, dass
intensive Atemarbeit vermieden werden muss, wenn es wegen eines instabilen
Nervensystems kontraindiziert ist. Sie pumpt eine Menge Energie in das Nervensystem, und
da ist ein System, dass damit nicht umgehen kann. Also könnte es in der Katharsis
tatsächlich retraumatisiert werden. Und schlecht daran ist, dass Personen tatsächlich süchtig
werden nach Katharsis wegen der Ausschüttung von biochemischen Botenstoffen während
der Katharsis, da liegt ein weiteres Problem. So ist beispielsweise Holotropes Atmen in
einiger Hinsicht keine gute Idee, wenn es schweres frühes Trauma mit Schock gibt, obwohl
es einer Person auch zum erstenmal eine Verbindung mit ihrer frühen Vergangenheit geben
kann, die sie vorher nicht bekommen konnte.
M: Wie sie es beim Rebirthing und ähnlichen Methoden machen?
R: Genau. Was nicht notwendigerweise schlecht ist. Manchen Menschen hilft es, und
anderen nicht. Wir müssen auch darauf achten, was mit ihrer Überlebensphysiologie passiert,
verschlechtert oder verbessert sie sich? Ich bin einer Reihe von Menschen begegnet, die
schwere Symptome wie Autoimmunkrankheiten und Chronischem Müdigkeitssyndrom
entwickelt haben, nachdem sie längere Zeit mit kathartischer Arbeit an frühem Trauma
gearbeitet haben.
M: Gespräche mit einigen Therapeuten über Rebirthing legen nahe, dass es eine sehr
schlecht integrierte Erfahrung sein kann. Man nimmt jemanden, ohne seine Geschichte zu
kennen, oder ihre vorherigen Erfahrungen mit Heilungsarbeit irgendwelcher Art, und man
läd sie mit all dem Atmen auf, und sie können einfach in alle möglichen intensiven
Erfahrungen kommen, und…
R: Sehr fragmentiert werden. Ja, es kann da passieren, dass Menschen dissoziieren. Sie
gehen in den transpersonalen Bereich, sie gehen in veränderte Zustände, wie ihren
Astralkörper, und beginnen Archetypen zu sehen. Und das ist nicht wirklich die menschliche
Ebene. Das ist nicht schlecht und manche Menschen haben zum erstenmal so umfangreiche
Erfahrungen mit sich selbst, was gut ist, so lange es nicht ein gewohnheitsmäßiger Ort wird,
den sie aufsuchen, um abzuwehren, dass sie auch Menschen sind. Aber noch einmal, wir
müssen darauf achten, ob sie auf einem sehr fundamentalen Niveau von Körper und Gehirn
retraumatisiert werden und im Prozess traumtischen Stress erleben.
M: Das ist wo viele von uns ihr ganzes Leben zugebracht haben.
R: Die schwierigere Aufgabe ist es…
M: Im Körper zu sein.
R: Ja. Da liegt die Freude. Die Idee besteht darin, einer Person wirklich zu ermöglichen, so
viel Energie wie möglich im Körper zu haben, damit sie so viel Freude erleben kann, wie das
Leben bietet. Und das System mit möglichst viel Energie zu laden kann angezeigt sein, wenn
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das Nervensystem genügend Kapazität besitzt und genügend Stabilität in der Physiologie ist
damit umzugehen, damit es ein sogar noch komplexeren Behälter sowohl für gute wie für
schlechte Erfahrungen bildet, wie sie Teil und Fracht des menschlichen Lebens sind.
M: Richtig, und das ist meine lebenslange Erfahrung, nicht in der Lage zu sein, genügend
Energie zu haben. Manchmal denke ich an all die Dinge, die ich tun würde - besonders mit
meinen Kindern - wenn ich mehr Energie hätte. Ist das nicht genau, wogegen die Abwehr
sich gerichtet hat?
R: Genau.
M: Nehmen wir an, zu Ihnen kommt jemand, der einige Arbeit an späteren
Entwicklungsstufen seines Lebens gemacht hat, aber noch nicht tieferes oder frühes,
grundlegendes Trauma bearbeitet hat. Ich könnte mir vorstellen, wenn ich in diesem
Stadium, drei oder vier Jahre vorher, gekommen wäre, und mit dieser Art ruhiger,
reflektiver, nach innen gewendeter Arbeit, die sie machen, begonnen hätte, hätte ich einfach
angefangen zu weinen, wie eine Ölquelle, bei der der Druck abgelassen werden muss.
R: Was ich in dem Falle tun würde? Ich würde dem absolut folgen, aber ich würde auf Sie
achten, um sicherzustellen, dass ihre Physiologie nicht gleichzeitig traumatisiert wird. Und
Geburtstrauma ist auch ein physisches Trauma, und dementsprechend muss gearbeitet
werden, und wenn nicht dementsprechend gearbeitet wird, können Menschen tatsächlich
mehr und mehr in Schock kommen, indem sie mehr und mehr Katharsis machen. Es ist also
gut, das einfach im Bewusstsein zu behalten, weil…
M: Das ermöglicht wahrzunehmen, wenn man sich plötzlich gefühllos oder aufgedreht oder
abgeschnitten oder so fühlt.
R: Ganz genau. Sehen Sie, die Idee ist, Sie wirklich in der Gegenwart zu halten. Man nimmt
ein Thema mit dem man zu tun hat - Lärm, Kinder, was auch immer, und benutzt das dann,
die Energie ein bisschen mehr auszudehnen. Es geht durch einen Kreis, und sehr oft warte
ich nur darauf, dass der physische Körper einspringt, und die Selbstregulation anspringt.
M: Erzählen Sie mir etwas über die Selbstregulation. Es ist sehr ermutigend für mich zu
wissen, dass nicht ich alles allein mit meinem Geist machen muss, dass da ein effektiver
physiologischer Prozess im Gang ist.
R: Sie sprechen das reptilische Gehirn an, welches alle autonomen Prozesse steuert, und
wirklich Millionen von Jahren gesammelter Weisheit besitzt. Und es reguliert den
Herzschlag - verlangsamt ihn, beschleunigt ihn, und so weiter, es tut all das ohne bewussten
Aufwand. Es ist dieses System, was im Trauma fehlgeleitet ist. Die Selbstregulation wird
irgendwie verhindert. Und es ist nicht in der Lage, zur Homöostase zurückzukehren, weil im
Trauma das autonome Nervensystem mit hohen Energieniveaus aufgepumpt wird, was der
Grund für den Stress ist, und es disorganisiert sich auf gewisse Weise, um sich zu schützen,
aber es ist nicht in der Lage, zum normalen Zustand zurückzukehren.
Deshalb ist das, worum wir uns hier bemühen, die Selbstregulation im Laufe der Zeit wieder
herzustellen, sie in Gang zu bringen. Wir geben ihr Unterstützung, mit einigem Verständnis,
einigem Wissen, wie das zu tun ist, wie langsam das zu tun ist, worauf zu achten ist und so
weiter und so fort.
M: Aber es lernt, kann das Nervensystem immer noch umlernen?
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R: Ja, natürlich. Nun kommen die höheren Hirnbereiche dazu und kann das ebensogut
verderben wie bei der Heilung helfen. Beispielsweise hatte ich eine Klientin von der ich
nicht wusste, dass sie Chanting machte. Es ging ihr zunächst besser, und dann kam sie
wieder und sagte, dass es ihr wieder schlechter geht. Und ich wusste nicht, was passiert war,
bis ich herausgefunden habe, dass sie täglich vier Stunden Chanting machte, und wirklich
sehr viel Energie in ihr Nervensystem pumpte, während es dabei war, zu heilen. Man kann
die Heilung also stören indem man zuviel machen will.
M: Wenn jemand diese Themen bearbeiten will, aber keine Möglichkeit hat mit jemandem
zu arbeiten, der damit vertraut ist, gibt es da etwas das man selbst tun kann?
R: Nehmen Sie sich Zeit, und wenn Sie einen Garten in der Nähe haben, einen Platz den Sie
mögen, gehen Sie dort hin. Wissen Sie, ein Weg, die Selbstregulation wieder in Gang zu
bringen, ist die Natur.
M: Das ist etwas das ich immer wieder gehört habe, und dennoch hatte ich immer diese
Abneigung in die Natur zu gehen, obwohl ich wusste, dass es heilend wirken soll.
R: Wissen Sie, im Trauma sind alle Verbindungen unterbrochen. Die Verbindung zur Natur
ist unterbrochen, die Verbindung zu den heilenden Ressourcen ist unterbrochen. Und wir
versuchen sie wiederherzustellen. Ida Rolf sagte einmal, „Wenn du es nicht von deiner
Mutter bekommen hast, bekomme es von der Mutter, der Erde.“ Wenn also diese
Verbindung unterbrochen ist, ist es nicht überraschend, dass dort einiges an Widerstand
auftaucht.
M: Ja, es ist, als wollte ich einfach zu Hause bleiben und innerlich auf die Bäume schauen.
R: Es ist gut, um einen Anfang zu machen, von dort die Verbindung aufzunehmen. Der
Rhythmus der Natur ist so stark, dass er, wenn wir beginnen mit ihr zu schwingen, in der
Lage ist - kennen Sie das, wenn Menschen die wirklich übererregt sind und zum Meer gehen
und umkippen? Denn der natürliche Rhythmus des Meeres ist so überwältigend, dass ihr
Mechanismus, der die Selbstregulation behindert, in den natürlichen Rhythmus gesogen wird
und beginnt, sich selbst zu regulieren.
M: Als wir einmal diese Arbeit gemacht haben war ich ein bißchen überrascht diese
lebhaften, ziemlich dramatischen Bilder zu erleben [Schlangen in meinem Bauch, mein
Brustkorb angefüllt mit nassem Lehm], obwohl ich selber nicht von mir denke, dass ich eine
besonders lebhafte oder schnell anspringende visuelle Vorstellungskraft habe.
R: Man arbeitet in einem sehr unbewussten Traumbereich. Er ist nicht-linear, wie Schlangen
und Schlamm. Im Traumbereich gibt es keine Zeitlogik und keine Raumlogik. Und in
diesem Heilungsprozess auf dem reptilischen Level gibt es keine Logik. Es ist ein Bereich
unbegrenzter Kreativität, und es ist ihre Kreativität. Im Trauma ist es diese Verbindung zur
Kreativität, die unterbrochen ist, und die wir wiederherstellen wollen. In dieser Arbeit geht
es wirklich um die Stärkung des Klienten, die Verbindung mit ihren kreativen und
physiologischen Ressourcen wiederherzustellen.

1995, by Marcy Wineman Axness
Übersetzung Harald Eisenberg